So., 24. Oktober

42. Wo. 2021

Über mich und wie und weshalb ich zum Windelmann wurde

Warum mache ich das überhaupt?

Ein fiktives Interview mit Detlef Jahn, dem Windelmann

Schmuckbild: Mobilé

Wer bist du?

Mein Name ist Detlef Jahn. Ich bin gebürtiger Leipziger, Jahrgang 1964, und habe einen Sohn, geboren 1983, eine Tochter, geboren 2008 und mittlerweile auch zwei Enkelinnen, geboren 2010 und 2015. Und ich habe drei Schwestern mit insgesamt acht Kindern.

Dann weißt du ja, was Babys versorgen bedeutet…

Ich glaube, davon darf man ausgehen, ja.

Und – alle Kinder in Stoffwindeln gewickelt?

Klar! 1983 gabs ja praktisch keine Alternativen. Die komischen Vlieswindeln damals waren nicht so wirklich berauschend. Und es war allgemein üblich, einen blauen Windelkochtopf zu haben (der später dann zum Einwecken gute Dienste tat…) und die Windeln selbst zu waschen. Und mit meiner Tochter dann ab 2008 betrieb ich den Windeldienst ja schon lange. Da wäre es Frevel gewesen, keine Stoffwindeln zu verwenden.

Wenn ich damals zu DDR-Zeiten die Idee gehabt hätte, für die Eltern die Windeldn zu waschen, wäre ich heute wahrscheinlich »ein gemachter Mann«… Aber darauf ist damals wirklich niemand gekommen. Naheliegender hätte eine Geschäftsidee nicht sein können.

Und wie bist du dazu gekommen, zum Windelmann zu werden?

Naja, ich überlegte schon um die Wendezeit herum, was ich denn vielleicht so auf meine eigene Kappe machen könnte und habe herumgesucht, um preisgünstig umsetzbare Ideen zu finden. In einer Existenzgründerzeitschrift habe ich dann ein komplettes Konzept für einen Windeldienst gefunden. Und da ich als Vater ganz genau wusste, was es heißt, Windeln zu waschen, war ich begeistert und begann, alles vorzubereiten, bis hin zu fertig gedruckten Handzetteln… Dann kam die erste Nachwende-Geburtenstatistik und alles war Makulatur. Angesichts der ins Bodenlose fallenden Geburtenzahlen ließ ich das Ganze bleiben, schlug mich mit verschiedensten Jobs durch und wartete auf bessere Zeiten.

Und was hast du so alles gemacht?

Kosmetik verkaufen, Pizza zubereiten und ausliefern, Sonntags Zeitungen verteilen, in der Wäscherei meiner Mutter helfen, ehemalige Russenkasernen bewachen, im Fotoladen arbeiten, Biokisten ausfahren, Apotheken beliefern, im Callcenter zur Energieversorgung beraten….

Das ist ja nicht wenig – und wie ging es weiter?

1996 war es dann soweit: Die Geburtenrate war seit zwei Jahren wieder fest und stieg leicht. Also kramte ich Alles wieder hervor und recherchierte neu. Denn die Windelhersteller hatten aufgegeben oder waren von der »Treuhand« abgewickelt worden, naja, wie das damals so war… Jedenfalls habe ich Ende 1996 den Probebetrieb aufgenommen und dann Anfang 1997 richtig gestartet.

Später kam aber was dazwischen…

Naja, was soll ich sagen… 25 »Schachteljahre« Zigarettenkonsum haben ihre Spuren hinterlassen – oder irgendwas anderes, so genau ist das nicht klar geworden – und ich musste mich Anfang 2012 einer Lungenoperation unterziehen, bei der mir ein großer Teil der linken Lunge entfernt wurde und danach habe ich mehr als ein Jahr gebraucht, um wieder richtig zum Stehen zu kommen. In dieser Zeit hatte ich keine Lust mehr auf unsichere Selbstausbeutung und habe den Windeldienst geschlossen. Und nun, da ich jahrelang keinen passenden Nachfolger gefunden habe, mache ich den Laden wieder auf und starte auf meine alten Tage nochmal neu. Nichts hält jünger, als mit Babys und deren jungen Eltern zu arbeiten – und die Treppen zwingen einen zur Bewegung…

Warum machst du das?

Wir dürfen nicht nur davon reden, das Klima und den Planeten retten zu wollen, sondern irgendwo muss man anfangen. Jeder für sich und ganz bei sich selbst. Müll vermeiden, Strom ohne fossile oder nukleare Brennstoffe beziehen, weniger Auto fahren, nicht mehr zum privaten Vergnügen fliegen, keine industrieell hergestellten Nahrungsmittel kaufen, Obst und Gemüse essen, das saisonal in der Region verfügbar ist, Wasser sparen…

Ist die Liste noch lang?

Ja – es gibt so viele Möglichkeiten. Nur anfangen müssen wir! HANDELN! JETZT!

Und deswegen betreibst du den Windeldienst? Willst du nicht auch Geld verdienen?

Klar will ich Geld verdienen! Aber ich will auch etwas Vernünftiges tun. Einen Beitrag leisten, wenn er vielleicht auch klein ist, dem zur Zeit herrschenden Wegwerfwahnsinn etwas entgegen zu setzen. Wenigstens ein paar Leute mitzuziehen, in der Hoffnung, dass sich dann doch noch etwas zum Guten hin bewegt…

Ah, ein Idealist…?

Genau DAS ist ja unser Problem: Es gibt viel zu wenige Idealisten. Wir brauchen doch nur zu schauen, wie viele Menschen ehrenamtlich arbeiten oder in der Familie sich aufopfern, um vielleicht jemanden zu pflegen… Wie viele Berufe gibt es, wo kein großer Reichtum zu erwarten und die Arbeit oft auch schwer und stressig ist und wie viele Menschen solche Berufe mit Hingabe ausüben. Ich finde, Idealist zu sein, ist einigermaßen unverzichtbar…

Zum Schluss noch etwas an die Leserinnen?

Denkt mehr darüber nach, welche Auswirkungen euer Handeln hat. Nicht nur hier und direkt sondern grundsätzlich. Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn mehr Leute nicht nur auf den Preis einer Sache schauen, sondern prüfen, welche anderen Vorteile oder Nachteile eine Ware oder Dienstleistung hat, für sie selbst als Kunde und auch für andere Menschen und/oder die Umwelt. Und in meinem speziellen Fall: Lies hier auf meiner Website, welche Vorteile es hat, den Windeldienst zu nutzen und erst danach prüfe, ob dir diese Vorteile den Preis wert sind. Überleg mal, wieviel Geld wir für Dinge ausgeben, die, mit Vernunft betrachtet, (nicht wirklich notwendiger) Luxus sind und wie wichtig dir die Gesundheit deines Kindes ist und die Umwelt, die du deinem Kind hinterlassen willst.

Ich bedanke mich herzlichst für dein Interesse, deine Aufmerksamkeit und deine Zeit – und wünsche dir alles Gute für dich/euch und deine/eure Kind/er.


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